Ausgabe IV/2014

weinerleben Tropfen

Die Verschlussfrage: Korken vs. Drehverschluss

weinerleben - Ausgabe III

Die Frage nach dem idealen Verschluss für eine Flasche Wein wurde vor zwanzig Jahren in Deutschland noch nicht gestellt. Schließlich stand es außer Frage, dass der Wein, unabhängig von Sorte oder Qualität, mit einem Naturkorken verschlossen wurde.
Bereits seit einiger Zeit- und besonders wieder aktuell- wird jene Verschlussfrage aber heftig diskutiert. Die dabei vertretenen Ansichten könnten konträrer kaum sein.

Ich möchte nun die unterschiedlichen Standpunkte ausführlich darstellen und diskutieren.
Am Ende steht keine absolute Entscheidung oder Antwort auf die Frage, welche Verschlussoption nun die beste sei, sondern eine Erklärung, warum mittlerweile jeder Winzer seine individuelle Philosophie hierzu entwickelt hat.

Die Vorstellung das hochwertiger Wein nur mit einem Naturkorken verschlossen sein kann, ist in der Alten Welt, aber auch in den USA oder Asien, noch in vielen Köpfen fest verankert.
Schließlich hat Korken eine lange Tradition. Ich vermute, dass die meisten (oder alle) grandiosen Weine, die Sie bisher getrunken haben, mit einen Naturkorken verschlossen waren, oder?

Zum speziellen Moment des Öffnens und natürlich Trinkens eines besonderen Weins, vielleicht zu einem angemessenen Anlass, gehört das Ritual des Entkorkens einfach dazu. Billiger und schlechter Wein, wenn schon nicht im Tetrapack serviert, ist mit Kronkorken oder Drehverschluss verschlossen.
Nun, bevor ich auf die Vor- und Nachteile von Korken und Stelvin- Verschluss eingehe, sei gesagt, dass der gerade geschilderte Sachverhalt heutzutage nicht mehr zutreffend ist.Wenn Kork vielleicht noch auf einigen Märkten als Qualitätsindikator gilt, gibt es viele Produzenten, gerade in der Neuen Welt und hier insbesondere in Australien und Neuseeland, aber auch Spitzenweingüter in Deutschland und Österreich, die Ihre Premiumprodukte bereits mit Alternativen zum Naturkork verschließen- zumeist mit dem Stelvin- Drehverschluss oder dem VinoLok- Glasverschluss.
Über die Qualität in der Flasche sagt die Art des Verschlusses schon länger nichts mehr aus.

Naturkork ist mit Nachteilen und daraus folgenden Weinfehlern behaftet, so dass schon vor über  zwanzig Jahre  Visionäre damit begannen, nach Alternativen zum Naturkorken zu suchen.So resultiert aus dem emotionalen Vorteil und der Tatsache, dass Kork ein natürlich gewachsenes Produkt ist, der Nachteil, dass jeder Korken individuell ist und somit den Wein auf verschiedene Weisen beeinflussen kann. Naturkork ist (minimal) luftdurchlässig und beherbergt zudem in seinen Poren Luft.

Wein altert daher unter Kork schneller bzw. anders als unter einem völlig luftdichtem Verschluss. Dies stellt grundsätzlich kein Problem dar, zeigt jedoch bereits einen Entscheidungsfaktor für oder gegen Korken als bevorzugten Verschluss auf.

Während gerbstoffreiche Rotweine von etwas Sauerstoff während ihrer Entwicklung in der Flasche profitieren, kann dieses Phänomen für filigrane Weißweine bereits problematisch sein und zu einer leichten, unerwünschten Oxidation des Weines führen. Vergleichsstudien im australischen Hunter Valley zeigten die positive und vom Winzer erwünschte Entwicklung von Semillon- Weinen unter luftdichten Drehverschlüssen, während die mit einem Korken verschlossenen Weine nach fünf Jahren Lagerung gar 25% Ausschuss aufwiesen.
Inwieweit schlechte Korkqualität der für diese drastischen Zahlen ausschlaggebende Faktor war, sei dahingestellt, denn grundsätzlich lässt sich sagen, dass ein fehlerfreier Korken auch einen feingliedrigen Weißwein über Jahrzehnte gut verschließen kann. Dafür gibt es allein in Deutschland eine Vielzahl von beeindruckenden Beispielen jahrzehntealter und perfekt gealterter Rieslinge unter Kork.

Lässt ein Korken jedoch zu viel Luft in die Flasche bzw. erfüllt seine Verschlussfunktion nicht mehr, so ist jeder Wein nach einer Weile oxidiert und ungenießbar. Naturkork ist anfälliger für Temperaturschwankungen und mangelnde Luftfeuchtigkeit als andere Verschlüsse. Trocknet der Korken aus, so schrumpft, bröckelt und/ oder verformt er sich und verliert somit seine Schließeigenschaft.

Korkschmecker sind das andere zentrale Korkproblem. Hierbei können unterschiedliche im Kork enthaltene Stoffe den Geschmack des Weines beeinflussen. In geringer Ausprägung nimmt der Laie derartige Fehler womöglich nicht einmal wahr. Vielleicht schmeckt der Wein nur etwas stumpf, fahl oder bitter.
Der klassische Korkschmecker wird jedoch durch 2,4,6- Trichloranisol (kurz TCA) verursacht und zeigt sich durch ledrige, muffige Aromen oder den unschönen Geruch nach feuchter Pappe. Die Zahlen zur Häufigkeit solcher Fehler divergieren. Realistisch dürfte heutzutage in etwa eine Fehlerrate von <5 Prozent sein.
Die Frage, ob man mit einer Produktfehlerziffer von um die 4 Prozent leben kann oder möchte, muss jeder Winzer wie Konsument für sich beantworten.
Bedenken sollte man allerdings, dass TCA auch ohne die Verwendung von Naturkork im Wein auftreten kann und dass, neben den durch fehlerhaften Kork ausgelösten Weinfehlern, weitere durch Fehler in der Produktion oder der Lagerung entstehen können. TCA kann besonders auch- und korkunabhängig- auftreten, wo Dampfreinigung und chlorbasierte Reinigungsmittel auf Phenolquellen (wie z.B. Holzfässer, Paletten, Pappkartons etc.) treffen, da es aus dem Zusammenspiel von pflanzlichen Phenolen, Chlor und Schimmel entstehen kann.

Offenkundig resultieren einige Nachteile und Risiken aus der Verwendung von Kork als Verschluss für die Weinflasche. Ein Korkverschluss bleibt nur bedingt zuverlässig, obwohl die Korkproduzenten unter dem Druck wegbrechender Märkte (v.a. in Australien und Neuseeland) viel getan haben, um das Qualitätslevel zu heben und die Wahrscheinlichkeit für Korkfehler signifikant zu reduzieren.

Logischerweise sind das Qualitätsstreben der Produzenten und auch die strenge Selektion bei der Korkauswahl durch die Hersteller als auch durch die abnehmenden Weingüter mit steigenden Kosten verbunden, so dass man aktuell von Preisen um die 0,8€ (bzw. 1USD) pro Naturkorken in Spitzenqualität ausgehen kann.

Betrachten wir demgegenüber die etablierten Alternativen zum Naturkork, den Stelvin- und den VinoLok- Verschluss. Beide Verschlussarten gewährleisten eine Geschmacksneutralität und verhindern in der Regel jegliche Diffusion von Luft in die Flasche und halten den Wein somit länger frisch.
Obwohl gerade der Stelvin- Drehverschluss robuster gegen Umwelteinflüsse ist als ein Korken, so muss ferner hier deutlich gemacht werden, dass auch dieser keine hundertprozentige Sicherheit liefert. Eine nicht korrekt aufgesetzte oder angestoßene Kapsel kann das Eindringen von Luft und die Oxidation des Weines nicht verhindern. Bei Langzeitlagerung in feuchter Kellerumgebung ist eine Korrosion ebenso nicht ausgeschlossen. Apropos Langzeitlagerung, für die absolute Dichtigkeit beim Vinolok- Glasverschluss sorgt eine Silikonschicht, deren Zuverlässigkeit auch mit zunehmender Lagerungsdauer abnimmt. Dem Vinolok wird zudem eine geringere Zuverlässigkeit und Robustheit gegen Stöße und Druckunterschiede gerade während des Transportes nachgesagt.

Auf Seiten der aktuell objektiv mess- und prüfbaren Eigenschaften spricht dennoch die Statistik für die Verschlussalternativen zum Naturkorken, da ihre Fehlerquote zwar bei weitem nicht null ist, jedoch weit geringer als beim Kork. Warum verwenden dann immer noch so viele Winzer Naturkorken? Ist dies eine von der Nachfrage des Marktes getriebene Entscheidung gegen eine vermeintlich bessere und eigentlich kundenfreundlichere Lösung? Auffallend ist, dass insbesondere die absoluten Topproduzenten ihre Weine weiterhin mit Naturkorken verschließen. Wenn es nicht alle Weine des jeweiligen Sortiments sind, so werden mindestens die Spitzenprodukte, denen auch lange Haltbarkeit und Lagerfähigkeit zugesprochen wird, verkorkt.


Australien und Neuseeland bilden hier eine Ausnahme, da (fast) alle Premiumproduzenten Verschlussalternativen zum Kork favorisieren. Nur wenige Traditionalisten halten dort generell am Naturkork für ihre Flaschen fest.
Die Ursache, dass Australiens bekanntester Wein, der „Grange“ von Penfolds, als einziger Wein des Hauses weiterhin einen Korken in der Flasche hat, wird der Orientierung zum asiatischen Markt zugeschrieben.
Zu Australien und Neuseeland sei außerdem gesagt, dass die geographische Lage und die Entfernung zu den Korkproduzenten v.a. in Portugal und Spanien, lange dazu führten, dass die Winzer viel schlechte Korkqualität bezogen und somit dramatisch schlechte Erfahrungen mit Kork gemacht haben.

Mittlerweile haben sich der Markt, mit Winzern sowie Konsumenten, als auch die meinungsbildenden Kritiker (insbesondere James Halliday) massiv gegen Kork gewandt und eine starke Etablierung von Korksubstituten für alle Weine in Australien geschaffen. Die großen Weinnationen, wie Frankreich, Spanien, Italien und die USA setzen im Spitzensegment unabhängig davon weiter auf Kork.

Einige, gerade Rotwein- Winzer, wollen Kork, da sie ihm eine wichtige Rolle bei der Alterung des Weines zuschreiben. Sie sehen gewisse natürliche Schwankungen als Teil des Erlebnisses und des Naturproduktes Wein. Trotz bestehender Studien, die dem Sauerstoff nach der Abfüllung von Wein in die Flasche keine Notwendigkeit für die positive Entwicklung beimessen, fürchten die Winzer einen Tausch von Frische gegen Tiefe ihres Weins. Anderen widerstrebt die Vorstellung von synthetischen Materialien im direkten Kontakt zu ihrem Wein.

Richtig ist, dass es historische Beispiele von ideal gealtertem Wein unter Siegellack, Wachs oder gar auf dem Meeresgrund gibt, wo weitere Sauerstoffaufnahme oder Austausch mit der Umgebung ausgeschlossen waren.
Fakt ist, dass Weine ohne externe „Atmung“ sehr wohl altern können. Die Frage der Unterschiede auf (sehr) lange Sicht ist jedoch noch nicht umfassend beantwortet. Die bestehenden Langzeitstudien ermöglichen lediglich eine Antizipation bzw. Hochrechnung, liefern jedoch keine mehrere Dekaden umfassenden Zahlen und Weinfakten.

Unumstritten ist, dass die „neuen Verschlüsse“ deutliche Vorteile mitbringen und sich daher auch in der Masse durchgesetzt haben bzw. durchsetzen werden.Weine, die für den zeitnahen Konsum innerhalb von 1 bis 3 Jahren vorgesehen sind, können praktischerweise mit dem Drehverschluss verschlossen werden. Gleiches gilt für Weine, die für Proben auf Messen oder Verkostungen gedacht sind. Die Flaschen können schnell geöffnet und jederzeit wieder verschlossen werden und das Risiko von Korkschmeckern wird fast vollständig ausgeschlossen. Durch die Qualitätssteigerung in der Korkproduktion sowie die intensive Selektion und Prüfung der einzelnen Korken durch die Hersteller und Winzer wird gewährleistet, dass die Wahrscheinlichkeit für Korkfehler auf der anderen Seite drastisch reduziert wurde.

Man kann daher davon ausgehen, dass wir noch eine ganze Weile Freude am natürlichen weinerlebnis haben werden und auch dann und wann eine herbe Enttäuschung erleben werden, wenn der alte Wein sich beim Öffnen als ruiniert erweist.

© Thomas Werdelmann 

   

Zurück