Ausgabe II/2015

weinerleben Tropfen

Terroir – Mythos oder Wissenschaft?

weinerleben - Ausgabe III

Mit dem Begriff Terroir geht eine gewisse Ironie einher. Obwohl der Begriff, wenn auch französischen Ursprungs (frz. Gegend), in allen Sprachen der Welt unverändert verwendet wird, so fällt es oft schwer zu sagen, was genau er eigentlich bedeutet. Er ist mehr Konzept oder Konstrukt als Definition. Grundsätzlich versteht man im klassischen Sinne alle natürlichen Faktoren, wie Klima, Boden und Topografie,  die im Sinne des Begriffs, Einfluss auf den Wein nehmen. Das moderne Verständnis erweitert diese natürlichen Faktoren um den menschlichen bzw. kulturellen Einfluss in Weinberg und Keller zu einem ganzheitlichen Ansatz.

Spannend wird es aber erst, wenn man fragt, inwieweit diese und andere Elemente des Terroirs tatsächlich mess- bzw. schmeckbaren Einfluss auf Aromatik und Eigenschaften des Weins nehmen; insbesondere wenn man versucht, ganz spezifische Komponenten, zum Beispiel des Bodens, als Ursache für konkrete Geschmacks- oder Aroma- Facetten verantwortlich zu machen. Studien, die hier direkte Zusammenhänge zwischen Elementen und konkreten Auswirkungen im Glas aufzeigen, sind limitiert.

Dennoch, begreift man Terroir ganzheitlich, so ist der Einfluss auf den Wein unumstritten. Die Einflüsse, die (v.a.) während der Vegetationsperiode auf den Rebstock und seine Frucht einwirken, gestalten den Zustand der Trauben zur Lese und charakterisieren damit das Rohmaterial für den Wein. So sorgt ein heißer Sommer für höheren Zuckergehalt in den Trauben als ein kühler, während viel Regen für verwässerte Frucht und Fäulnisdruck sorgt.  Karge Böden zwingen Rebstöcke zu tiefen Wurzeln, während schwere Böden zu fetteren Weinen tendieren.  Ein nach Süden gerichteter Weinberg verspricht mehr direkte Sonne, hoch gelegene Lagen gehen mit mehr Kühle einher.

Die Liste der Terroir-bedingten Zusammenhänge ließe sich noch ewig fortführen und es gilt, neben den klimatisch und natürlichen Elementen mit ihren zugegebenermaßen nicht immer transparenten Einflüssen auf die Weinstilistik, auch noch den Einfluss des Menschen auf den Wein abzubilden, wo Entscheidungen und deren direkte Auswirkung (vermeintlich) klarer erscheinen. Reberziehung, Lesezeitpunkt, Ertragshöhe, Pflanzdichte, die Entscheidung, welche Rebsorte wo angepflanzt wird und viele weitere Dinge beeinflussen das Resultat im Weinberg. Darüber hinaus werden die Kellerarbeit und die Art den Wein auszubauen, von der Handschrift des Winzers geprägt. Entscheidet man sich für Reinzuchthefen oder für Spontanvergärung, Maischestandzeit ja oder nein, trennt man die Beeren von den Stengeln (Entrappen) oder nicht, Stahltank oder Holzfass et cetera et cetera.

 

Der Winzer begründet seine Entscheidung idealerweise im Sinne einer Stimmigkeit aller Faktoren und unter Berücksichtigung seiner Erfahrung und Tradition des Weinguts, so dass eine Logik aller Elemente zum bestmöglichen und gewünschten Resultat im Glas führt. Jene Logik der Elemente bestimmt für mich den Kern des Terroir- Gedanken. Rebsorten werden dort angebaut, wo sie sich bewährt haben, wie z.B.  Riesling an der Mosel, Pinot Noir im Burgund und Merlot in Bordeaux.

Das Erschließen neuer Anbaugebiete, gerade in der Neuen Welt, geschieht auf Grundlage von Studien, die die klimatische Ähnlichkeit mit traditionellen Gebieten in der Alten Welt aufgezeigt haben. Margaret River in West-Australien ist so ein Beispiel, wo man Weinreben pflanzte als man Parallelen zu Klima in Bordeaux nachgewiesen hatte.

Grundsätzlich sind Typizität von Rebsorten, Stilistik von Regionen und Weingütern und Umgang mit bzw. Ausbau von Rebsorten die zentralen Elemente, die in Stimmung gebracht werden sollten. Dabei  ist die Evolution natürlich nicht abgeschlossen und die Offenheit für neue, andere Ansätze kann zu revolutionären und (manchmal) besseren Ergebnissen führen, während der Klimawandel mittlerweile ohnehin Bewährtes kontinuierlich in Frage stellt.

Der Einfluss des Terroirs und die Unsicherheit über das detaillierte Wirken aller Elemente untereinander birgt Faszination und verhindert hierbei die Berechenbarkeit in der Produktion von Spitzenweinen.
Terroir unterstellt Einzigartigkeit und ist Gegenentwurf zum industriell produzierten Massenwein. Obwohl man zu recht kritisch bemerken kann, dass der Begriff häufig Marketing- und Umsatz- motiviert missbraucht wird, so fasst er vieles, was die Faszination von Wein ausmacht zusammen. 

Er repräsentiert Jahrgänge, Regionen und Rebsorten, indem er die jeweilige Typizität ins Glas bringt und über die Zeit transportiert.

Große Weine reflektieren ihre Rebsorte, Herkunft, Produzenten und Jahrgang auf eine faszinierende und manchmal fordernde Art und Weise, die ihren Genuss so spannend und einzigartig macht.

© Thomas Werdelmann 

 

   

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