Ausgabe I/2016

weinerleben Tropfen

bio und dynamisch

weinerleben - Ausgabe I

Wenn sich Weinfreunde über kürzlich getrunkene, künftig zu verkostende oder schlicht sie interessierende Weine unterhalten, werden oft Aspekte der Vinifikation und der Kellerwirtschaft diskutiert, sofern bekannt oder auch nur vermutet. In welchem Behälter wurde vergoren, wie lange worin ausgebaut, umgezogen, geschwefelt und dergleichen. Was seltener zur Sprache kommt, ist jedoch die „eigentliche“ Entstehungsgeschichte eines jeden Weins, sein Werdegang im Weingarten. Unser Wissen darüber beschränkt sich zumeist auf die grundlegende Philosophie des Winzers, ob er konventionell, biologisch oder – wie es bei Spitzenwinzern immer öfter der Fall zu sein scheint – biodynamisch arbeitet. 

Vielleicht liegt der Grund darin, dass es gewissenhaft und naturschonend arbeitenden Erzeugern gar nicht so sehr am Herzen liegen mag, ihren Kunden jeden Aspekt ihrer Arbeit im Weinberg erklären zu müssen. Wie immer nun „da draußen“ verfahren wird, am Ende muss die Qualität eines Weins überzeugen, das gilt zweifellos für Produzent und Käufer gleichermaßen. Dennoch kann es nicht schaden, einige Aspekte der „Gartenarbeit“ jener Winzer  vorzustellen, die uns begeistern, weil sie mit anstatt gegen die Natur arbeiten. Weil es eben nicht egal ist, nicht egal sein darf, was man tut und wie man es tut, schon gar nicht in diesen, für unsere Erde so schwierigen Zeiten.

Erschwerend ist auch immer wieder zu hören, wie biologische und biodynamische Arbeitsprozesse oft in ein esoterisches, wirklichkeitsfremdes Licht gerückt werden. Hierbei sollte man sich vor Augen führen, dass sich die Winzer selbst wohl kaum als Schamanen betrachten, sondern als „einfache" Landwirte, Wein-Bauern, die es sich gar nicht leisten können, seltsame Experimente mit ungewissem Ausgang an ihrer Lebensgrundlage zu vollziehen. Spricht man mit ihnen, wird ganz schnell klar: Sie tun das, was sie tun, um den Boden und die Pflanzen, die in ihm gedeihen, möglichst gesund, im Gleichgewicht mit der Umwelt und auf Dauer lebensfähig zu erhalten. Wie könnte dies etwas anderes sein, als die unabdingbare Voraussetzung für vernünftiges Wirtschaften und lebendige, echte Weine?

Es existiert eine ganze Reihe von Bewegungen, Tendenzen, Organisationen und Vereinigungen, die sich nachhaltige, schonende Arbeitsprozesse auf die Fahnen geschrieben haben. Weitgehend bekannt ist jedenfalls der biodynamische Ansatz - auch wenn dieser als Überbau für so manche enger gefasste oder strenger definierte Idee gelten muss. Dass sich immer mehr Spitzenerzeuger der Biodynamie zuwenden, zumal immer mehr richtig große Produzenten, kann kaum Zufall sein. Denkt nur an derart große und renommierte Betriebe wie Bürklin-Wolf, Heinrich oder Manincor, um nur jeweils einen aus Deutschland, Österreich und Südtirol zu nennen. Sie beweisen eindrücklich, dass wirtschaftliche Überlegungen, großartige Weinqualitäten und ein respektvoller Umgang mit der Umwelt einander keineswegs ausschließen - ganz im Gegenteil!

 

Konkret? 

Eine weitere Prämisse der biodynamischen Haltung ist jene der Autonomie. Selbständig und von der Agrarindustrie unabhängig zu arbeiten bedeutet für die Betriebe, die Präparate, die sie dem Boden und der Pflanze zur Verfügung stellen, selbst zu erzeugen. Die bekanntesten dieser Mittel sind bestimmt die in der Erde vergrabenen Kuhhörner (die sogenannten Feldspritzpräparate Hornmist und Hornkiesel, die unter anderem die Bodenstruktur und Humusbildung fördern). Genauso wichtig sind jedoch auch Kompostpräparate mithilfe von Schafgarbe, Kamille, Brennnessel oder Löwenzahn, die beispielweise Stoffwechselprozesse unterstützen. Die komplette Liste dieser Präparate sowie Genaueres über ihre Aufgaben und Wirkweisen findet der Interessierte auf den Seiten von Verbänden wie Demeter oder Winzervereinigungen wie "respekt-BIODYN".

Weitere unverzichtbare Elemente der Biodynamie umfassen auch Begriffe wie Diversität (eine Vielfalt an Pflanzen und Tieren anstatt Monokultur), die Stärkung natürlicher Abwehrkräfte mit Tees und Auszügen sowie das Beachten von Einflüssen wie Mond und Wetter. Wem das noch immer nach viel Zauberei klingt, der kann sich ja einen Menschen vorstellen. So sehr wir uns in unserer technologisierten Welt über die Natur erhaben und zugleich als Nabel derselben betrachten - wir können unser körperliches und seelisches Befinden, unsere Gefühlswelt und unsere Beziehungen zur Umwelt nicht wissenschaftlich erklären. Und wollten wir das überhaupt? Franz Weninger vom gleichnamigen Top-Weingut im Burgenland musste mal die Frage beantworten, wie sich denn der biodynamische Weg in seinem Betrieb konkret äußere. Eine Auswirkung hätten die Familie und ihre Mitarbeiter zuallererst bei sich selbst bemerkt, sagte er. Sie seien ruhiger und zuversichtlicher geworden, mehr im Einklang mit sich selbst - und mit der Natur. Der gute Wein, der kam ganz von selbst.

 

 

   

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