Ausgabe II/2016

weinerleben Tropfen

Alte Zicke Pinot Noir 

weinerleben - Ausgabe I

Pinot Noir – immer schöner, immer anders

I´ve seen winemakers wither, knees shaking, in the face of a disobedient tank of Pinot Noir. Pinot Noir can crush your spirit; destroy your dreams and when you are down and out, stamp on your ego until you are a broken, whimpering wreck of a person (…)”

Nun, so schlimm, wie im obigen Zitat von einem südafrikanischen Winemaker beklagt, ist es hoffentlich doch nicht. Doch über Pinot Noir, der auch gerne Blauburgunder oder Spätburgunder genannt wird und umgekehrt, wird wohl zurecht oft und gerne diskutiert, geschrieben und philosophiert, bietet er doch als eine der weltweit meist angebauten und spannendsten Rotweinsorten alles, was sich ein Weingenießer nur wünschen kann – vorausgesetzt der Winzer meistert die unzähligen Tücken und Hindernisse im An- und Ausbau dieser Wein-Diva. Wir wollen das Rad aber nicht neu erfinden und seine lange Geschichte und vielfältige Persönlichkeit ein weiteres Mal vom Beginn aufrollen. Vielmehr wollen wir in diesem weinreport aktuelle Trends in Deutschland, Österreich und Südtirol aufzeigen und eine Handvoll Top-Betriebe zu Wort kommen lassen. Ihre Weine zu verkosten, das können wir jedem Wein-Fan jedenfalls wärmstens ans Herz legen!

Die aktuelle Situation ist in Deutschland, Österreich und Südtirol einerseits gut vergleichbar, denn die Spitzenbetriebe streben hier wie dort zunehmend eine Stilistik an, die Feinheit, Eleganz und Herkunft betonen will – genau wie bei vielen anderen Rotweinen möchten nicht nur viele Konsumenten, sondern auch die Winzer möglichst weg von allzu extrahierten, vor Kraft strotzenden und mit neuem Holz zugedeckten Tropfen. Dies gilt und galt eigentlich schon immer vor allem für nachhaltig und mit Respekt für die Natur arbeitende Betriebe. Ausdruck, Lebendigkeit, Frische gehen gerne Hand in Hand mit biologischen oder biodynamischen Prinzipien, trotz oder auch dank aller eventuellen Jahrgangsschwankungen und Klima-Extreme. Als Vorbild wird oft der „burgundische“ Typus genannt, wobei es bestimmt so ist, dass die Winzer damit nicht das Burgund nachäffen wollen, sondern einfach feine, langlebige und die Lage widerspiegelnde Weine im Sinne haben.

 

Deutschlands (steile) Lagen

Deutschland wartet natürlich nicht nur mit Qualität, sondern auch mit Quantität auf (der Spätburgunder nimmt hier mit fast 12.000 Hektar etwa 10% der Gesamtrebfläche ein), während die Rebsorte in Österreich und Südtirol nur kleine Anbauflächen besetzt. Dazu ist der Spätburgunder in den deutschen Weinbauregionen fast allerorten anzutreffen. Ja, sogar in solchen, in denen man Rotwein eher weniger vermuten würde. Wie an der Mosel. Doch die heutige Riesling-Heimat war früher durchwegs ein Rotweingebiet, wie Stefan Steinmetz vom Weingut Günther Steinmetz in Brauneberg betont. Sein Betrieb baut seit langer Zeit Pinot Noir (und auch weitere Rotweinrebsorten) an und die daraus gekelterten Weine, allen voran die Lagenweine Kestener Herrenberg und Paulinsberg, behaupten ihren berechtigten Platz nicht nur in der Region, sondern weit darüber hinaus. Elegant, mit feiner Frucht und toller Säure und mit perfekt eingebundenem Holz, wie es sonst nur die Burgunder können. Das Klima sei längst nicht mehr das Problem an der Mosel, wie dies noch vor der Klimaerwärmung der Fall war, vielmehr das mangelnde Wissen um die Rotweinproduktion, ist Stefan Steinmetz überzeugt. Gut, dass er mit seinen tollen Weinen bald als Vorbild dienen wird können!

Zu Hause ist der Spätburgunder auf alle Fälle im kleinen Anbaugebiet der Ahr, wo er mit Abstand der Platzhirsch ist. Eine ganze Reihe von Top-Betrieben pflegt hier in den unwegsamen Terrassen des engen Tals eine großartige Vielfalt an Lagen und Interpretationen. Dazu gehören natürlich auch junge Talente, wie Julia Bertram aus Dernau, die seit 2014 eine kleine, aber feine eigene Weinlinie ausschließlich aus Spätburgunder (nun gut, 8% Frühburgunder sind auch dabei) kreiert. Allein mit ihrer Pinot-Passion ist sie jedoch nicht, denn ihr Partner Benedikt Baltes leitet seit einigen Jahren das ehemals und gewiss bald wieder berühmte churfränkische Weingut Stadt Klingenberg. Zwei Spätburgunder-Winzer aus zwei Regionen als Paar, das kann nur Gutes bedeuten! Trotz der unterschiedlichen Bedingungen – schiefergeprägte Böden an der Ahr, Buntsandstein in Franken, unterschiedliche Größe der Weingüter, etc. – gibt es viele Gemeinsamkeiten. So arbeiten beide mit möglichst alten Reben, die den einzigartigen Charakter der jeweiligen Lagen betonen sollen und bauen auf eine zurückhaltende, in vieler Hinsicht spontane Weinwerdung. Die Weine beider Winzer schmecken anders – jene vom Klingenberg eher kühl, filigran und kräutrig-ätherisch, Julias Ahr-Spätburgunder mit dunkler Beerenfrucht und betonter Mineralität. Gemein ist ihnen ihre Schönheit: unverfälscht, individuell und charakterstark, ganz wie ihre jungen Weinmacher, die noch für viel Furore sorgen werden.

Vor den Vorhang dürfen wir nicht nur jüngere, aufstrebende Weinmacher und Betriebe bitten, sondern mit Fug und Recht auch so manch etablierte, alteingesessene, zumal diese die Attribute „jung“ und voller Tatendrang oft ebenso verdienen. Ein Weingut, das für viele – wie beispielsweise die weiter unten vorgestellte Familie Abraham – als Vorbild gilt, ist das Weingut Bernhard Huber aus Malterdingen im flächenmäßig größten Anbaugebiet für Spätburgunder, Baden. Spätburgunder - Huber - Malterdingen – Baden: eine Aufzählung, die ohne Schamesröte jedem Vergleich mit vielen berühmten Burgundern standhält. Denn Familie Huber bewirtschaftet ihre beneidenswert geschichtsträchtigen Toplagen (klangvoll und begehrt: die Großen Gewächse Bienenberg, Schlossberg, Sommerhalde oder Wildenstein) auf perfekt geeigneten Muschelkalkböden mit Erträgen (mancherorts um die 30hl/h) und Stockabständen (bis zu 13.000 Stöcke pro Hektar), die nicht nur an die Côte de Nuits erinnern, sondern schlicht keine Zweifel aufkommen lassen: der Wille zu Spitzenqualität, zu lagentreuen, finessenreichen und langlebigen Weinen ist hier unbeirrt. Die Zisterziensermönche brachten den Spätburgunder nach Malterdingen vor 700 Jahren und der Ort wurde gar zum Synonym für die Rebsorte. Wäre es nicht schön und folgerichtig, wenn dies in 700 Jahren noch immer der Fall wäre?

 

Österreichische Geheimtipps

Bekanntermaßen ist Österreich ein eher kleines Weinland und das trifft auf jeden Fall auf die Fläche von Pinot Noir zu, die nur um 650 Hektar beträgt. Die Faszination für diese Sorte ist jedoch auch hier ungebrochen und die Bedingungen auf geeigneten Terroirs und dank des (noch) kühlen Klimas sehr gut. Die Zentren für feinen Pinot in Österreich liegen in der Thermenregion und im Burgenland, doch tolle Exemplare findet man in jedem Anbaugebiet – sogar in solchen, die als Weinbauregionen selbst fast komplett unbekannt sind, oder es zumindest waren. Kärnten und Wein, klingt das vertraut? Dem Weinbau drohte in diesem Bundesland zwischenzeitlich die Bedeutungslosigkeit, doch eine Reihe von überzeugten Winzern belebt die einstige Tradition seit einigen Jahren neu, und die Rebfläche wächst im Takt mit der Qualität.

So bewirtschaftet seit 2008 Marcus Gruze das Weingut Georgium in St. Georgen am Längsee. Die Bedingungen sind gut: der See mit seiner ausgleichenden Thermik, die Tages-Nacht-Schwankungen im Herbst und eine lange Vegetationsperiode sind einer feinen Pinot-Stilistik jedenfalls zuträglich. Vergleiche, um das Potential seiner Region einzuschätzen, habe er nicht, meint Marcus, doch es ist klar, was ihm wichtig ist: mit Handwerk und nur minimalen Eingriffen die Ursprünglichkeit seiner Pinots zu bewahren. Die Weine sind spannend und filigran, unfiltriert, ungeschönt und mit 12% Alk. herrlich zu trinken! Biodynamie ist hier eine Selbstverständlichkeit. Und Kärnten? – ein reizvolles Land mit seinen Spannungen, dessen Menschen nur den Mut bräuchten, um seine Individualität als Chance zu erkennen, auch beim Wein.

Eine Gegend, in der man Pinot Noir auch eher weniger vermuten würde, ist die für ihre Sauvignons, und wie wir finden, auch für ihre starke Naturweinszene, berühmte Steiermark. Ein besonderer Flecken Erde ist das schöne südsteirische Sausal mit seinen steilen Hanglagen und kargen Böden. Ein Betrieb, der hier unbeirrt seinen demeter-zertifizierten, biodynamischen Weg verfolgt, ist das Weingut Karl Schnabel bei Kitzeck. Bei Schnabel dominiert Rotwein das Portfolio und es gibt natürlich auch Pinot Noir. Das Besondere? Der Wein wird nur aus Trauben gemacht. Klingt selbstverständlich, ist es jedoch selten. Ohne jegliche Behandlungsmittel, so natürlich wie nur überhaupt möglich und auch ohne jede Schwefelzugabe kommen die Weine auf die Flasche. Um dies zu ermöglichen, ist vor allem Hingabe im Weingarten vonnöten. Das Material muss absolut tadellos sein, Hygiene und Genauigkeit Voraussetzung. So entstehen unter der Ägide von Karl Schnabel Pinots, die grazil, elegant, vielschichtig und besonders bekömmlich sind. Man probiere zum Beispiel unbedingt den wunderbar leichtfüßigen, doch tiefgründigen Pinot Noir Hochegg 2014. Ein Teil des Faszinosums Pinot Noir besteht vielleicht eben darin, dass er so sensibel all das widerspiegelt, was der Weinbauer tut – oder eben was er lässt.  

 

Südtirol: hoch oben

Südtirol hat nicht umsonst italienweit den größten Anteil an DOC und DOCG-Weinen, also den größten „fine wine“-Anteil, wenn man so will. Qualität wird hier ganz groß geschrieben, und das gilt natürlich auch für die kleinen, aber feinen Flächen, die dem Pinot Noir gewidmet sind. Das Weingut Abraham in Eppan hat gleich zwei verschiedene Terroirs mit unterschiedlichen Stilistiken zur Verfügung: einerseits kalkhältige Lehmböden in der Lage St. Valentin, andererseits saure Moränenböden um Girlan. Der entscheidende Faktor ist – wie in Südtirol generell – die Meereshöhe. Bei über 500-600 Metern sind große Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht vorprogrammiert und helfen so, Spannung in den Weinen zu erhalten. Spannend ist für die Abrahams auch das jährliche Wechselspiel zwischen Wärme und Kühle, nicht zu viel und nicht zu wenig darf es werden, um charaktervolle Pinots keltern zu können! Ansonsten wird den Weinen möglichst viel Freiraum gegeben: natureigene Hefen, keine Temperaturregelung, Ausbau in neuen und gebrauchten 500 l Fässern, Flaschenreife für mindestens 1 Jahr. „Unser Ziel ist es, lebendige, ehrliche und charaktervolle Eppaner Pinots zu keltern, die die Lage und auch den Jahrgang nicht leugnen und sich auf jeden Fall auch mit anderen guten Pinots aus verschiedensten Regionen messen lassen“, sagen Marlies und Martin. Ihre Weine stellen dies genussvoll unter Beweis.

Eingangs hatten wir mit einem Augenzwinkern zitiert, welche Ehrfurcht, ja „Schrecken“ Pinot Noir verbreiten kann. Patrick Uccelli vom biodynamisch arbeitenden Ansitz Dornach in Salurn zeigt uns, welche Emotionen diese Rebsorte noch zu Tage bringen kann. Für ihn ist Ehrlichkeit ein zentrales Thema: ehrlich zu sein in der Erwartungshaltung an die Natur, daran, was diese einen hervorzubringen erlaubt. Sein Pinot bringe ihn dazu, auch zu sich selbst ehrlich zu sein. Kein Mogeln, keine Schönungen, kein Tricksen, denn lehrreich sei es ebenso, sich mit der tiefen Angst unserer Gesellschaft auseinanderzusetzen, „nie gut genug zu sein“. Und zu begreifen, dass der Mensch nicht im Mittelpunkt stehe, sondern Teil der Natur sei, meint Patrick. Schwierig genug. Obwohl bei Patrick Uccelli Veränderung und Anpassung in der Bewirtschaftung (in punkto Schnitttechnik z.B.), und Vinifikation (kleinere Gärbottiche, kein Anquetschen der Beeren mehr, variabler Anteil an Kämmen) zur Entwicklung dazugehören, ist ihm die soziale und geistige Entwicklung seines Betriebs mindestens genauso wichtig. Eine Einstellung, die zu Pinot passt, finden wir. Aber vielleicht passt einfach auch der Pinot zum Ansitz Dornach…

 

Jüngst

Wie sehen die Winzer nun die aktuellen Jahrgänge, die der Konsument auch kaufen kann? Bei einer derart sensiblen Sorte wie dem Spätburgunder sind Jahrgangsunterschiede zu erwarten, ja sie gehören unbestritten dazu. Dass die Klimakapriolen der letzten Jahre den Weinbauern so manche Sorgenfalte auf die Stirne zauberten und Erträge oft drastisch sanken, während Arbeitskosten explodierten, das darf der Weinfreund nicht vergessen. Guter und zugleich billiger Pinot ist in unseren Breiten schlicht und ergreifend nicht machbar. Qualität muss ihren Preis haben!

Die letzten 3 Jahrgänge sind in Deutschland, Österreich und Südtirol durchaus vergleichbar. 2013 war – wieder einmal – ein Jahrgang der Extreme mit geringen Erträgen, doch die Weine präsentieren sich sehr sortentypisch und voller Charakter bei toller Säure. Der durchwegs feuchtere und kühlere 2014er ergab dementsprechend auch kühlere, aber feine, verspielte Spätburgunder. Marcus Gruze nennt ihn „feinsinnig“, Familie Huber „delikat“ und für Julia Bertram und Benedikt Baltes war es ein „optimaler“ Jahrgang. Spätburgunder mag es eben nicht zu heiß. 2015 war vielerorts ein sehr heißes Jahr 2015, das die Weinbauern mit ganz anderen Herausforderungen konfrontierte. Während es aber für eine zuverlässige Einschätzung noch viel zu früh ist, können wir eine alte Wein-Weisheit ohne Bedenken wiederholen: Großartige Winzer können uns in jedem Jahr mit großartigen Weine beschenken!  

So wird dann auch eine Zicke zu einem weinerlebnis :-) 

   

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