Ausgabe IV/2016

weinerleben Tropfen

Tokaj: Trocken wird Trumpf

weinerleben - Ausgabe IV

Bei vielen, wenn nicht den meisten, ist die Region Tokaj vor allem Synonym für den süßen Tokajer - die traditionellen Aszú-Weine, die je nach Stilistik und Zuckerwert am ehesten mit Beerenauslesen oder Trockenbeerenauslesen vergleichbar sind. Die Geschichte und Tradition der Region sowie all ihre Terroir-Faktoren wie klimatische Besonderheiten, Böden, Rebsorten und natürlich die Menschen dahinter sind indes mit nichts verlgeichbar. Dieser wunderschöne Landstrich im Nordwesten Ungarns gilt als eine der ältesten definierten Herkünfte der Welt und ist mit seinen 5700 Hektar Rebfläche durchaus nicht klein. Das Klima am Fuße des Zempliner Gebirges ist kontinental mit kalten Wintern und warmen bis heißen Sommern, die Böden bei allen Unterschieden vulkanischen Ursprungs und die zwei Flüsse Tisza und Bodrog sorgen für jene Bedingungen, die die Edelfäule und somit die Produktion der Süßweine vornehmlich aus den Sorten Furmint und Hárslevelű (dem „Lindenblättrigen“) begünstigen. Soweit die Lehrbuchmeinung, soweit, so klar. Scheinbar.

Obwohl die Aszú-Süßweine nach wie vor für das Image des Tokaj verantwortlich zeichnen und in bestimmten Absatzmärkten auch immer noch ihre Berechtigung haben, darf man nicht übersehen, dass sich die Region in den letzten Jahren doch deutlich gewandelt hat. Große Veränderungen in der Struktur der Betriebe und die notwendige Modernisierung der Weinproduktion fanden naturgemäß rasch nach dem Fall des Kommunismus statt. Selbständige Winzer und Weingüter traten (wieder) auf den Plan und formten die Wein-Landschaft neu. Klasse statt Masse musste Einzug halten und große Namen der Region (Szepsy etwa) behaupteten mit Nachdruck und fantastischen Weinen den Platz, der ihnen gebührt. Den Leitbetrieben der Region wurde jedoch ebenso schnell und nachdrücklich klar, dass der Fokus auf Süßweine nicht auf Ewigkeiten Wirtschaftlichkeit und Renommee garantieren konnte. Und auch das Wetter spielt zwischenzeitlich nicht mehr so mit, wie früher: die Jahre mit guten Süßwein-Vorzeichen werden immer seltener. Was war also zu tun?

Freund Furmint (und andere Freunde)

Trockene Weine gab es in Tokaj auch früher schon, doch galt ihnen nicht das Hauptaugenmerk. Dass sie heute die Aufmerksamkeit der Weinliebhaber und der Fachwelt erregen, ist einer Reihe von Umständen zu verdanken. Einerseits ist es eine der großen, wenn auch weniger bekannten Rebsorten der Welt, die außergewöhnliche Weine hervorbringt und zudem von ihrer Herkunft zu erzählen weiß. Furmint, mit 70% der Rebfläche der unbestrittene Star des Tokaj. Mit seiner langen Vegetationsphase ist er bei liebevoller Behandlung und der notwendigen Reife ein Garant für langlebige Weißweine von Weltformat. In der Aromatik eher verhalten, offenbart er feurige, saftige und mineralische Geschmacksnuancen, die einmalig sind. Belebende Säure und eine profunde Eleganz tun ihr Übriges für ein Genusserlebnis, das sich jeder mal gegönnt haben sollte. Die Rebsorte allein genügt indes nicht.

 

Jede Sorte benötigt jene Lagen, die ihr zum bestmöglichen Ausdruck verhelfen. Genau diesen Faktor haben die Tokajer nun wiederentdeckt oder sind dabei, dies zu tun. Denn detailreiche Kenntnisse, welche Lagen in der mannigfaltigen Kulturlandschaft des Tokaj besonders hochwertig waren, gab es seit Jahrhunderten – eine erste Klassifikation wurde bereits 1730 unternommen. Doch viel Wissen um diese besonderen Parzellen, so wie auch viele dieser Weingärten selbst, gingen mit dem Kommunismus verloren und so ist Tokaj paradoxerweise eine recht junge Region, zumindest was das Potential für trockene (Lagen)Weine betrifft. Und so kommen seit einigen Jahren immer mehr trockene Topweine aus Furmint und von den unterschiedlichsten Lagen auf den Markt. Den im Vergleich mit dem Furmint etwas früher zugänglicheren (ein wenig mehr Frucht, ein Quäntchen mehr Charme) Hárslevelű sollte man aber auch nicht außer acht lassen, vermag er doch rebsortenrein oder im Verschnitt ebenso faszinierende Tropfen hervorzubringen. Und der eine oder andere Gelbe Muskateller (im Ungarischen schön klangvoll: „Sárga Muskotály“) ist auch nicht von schlechten Eltern – falls er von solchen kommt!


Quellen

Welche Produzenten und Weine sollte der interessierte Weinfreund kennenlernen? Ungarische Weine sind „bei uns“ natürlich eine Nische und selbst im benachbarten Österreich ist es gar nicht so einfach, spannende Tokajer Weine zu bekommen (wobei Österreich glücklicherweise zumindest eine Handvoll eigener – hervorragender – Furmint-Produzenten beheimatet).

Unbedingte, wenn auch keinesfalls umfassende Tipps aus Tokaj: Familie Szepsy (Senior und Junior, der eine eigene Spitzenlinie keltert), Disznökö, Kikelet, Kiralyudvar oder die vom Tokajer-Terroir und Qualität geradezu besessenen Quereinsteiger (kleine Mengen, höchstbegehrt) Bott Pince, Tokaj Nobilis oder Attila Homonna.

Wer noch mehr über diese spannenden, osteuropäischen Weine erfahren möchte, dem sei uneingeschränkt der Blog des Ungarn-Experten Peter Klingler ans Herz gelegt. 

Wir wünschen spannende weinerlebnisse! 

   

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