Ausgabe IX/2015

weinerleben Tropfen

Schön und rot!

weinerleben - Ausgabe IV

Schön und gut, schön und rot

In Ausgabe VIII unseres weinreports haben wir uns mit weißen autochthonen Rebsorten befasst. Während dieses spannende Thema noch durchaus erweitert werden könnte, möchten wir aber auch die roten Sorten nicht vernachlässigen, zumal diese immer mehr an Beliebtheit gewinnen. Nun gestaltet sich die Sache bei den Rebsorten für Rotwein nicht minder kompliziert und spannend, als bei den Weißen. Nur wenige von ihnen sind lediglich in einem begrenzten Gebiet eindeutig heimisch (wie etwa Lagrein in Südtirol oder Humagne Rouge im Wallis), so manche dunkelbeerige Trauben findet man über ganz Mitteleuropa verstreut und ihre unterschiedlichen Ausprägungen und Bezeichnungen lassen im Hinblick auf ihren Ursprung oft nur einen Schluss zu: Ungewissheit.

Doch beschert uns gerade dieses Potpourri an verschiedenen Spielarten und „Gesichtern“ den genussvollen Vorteil der Vielfalt. Wir können so nicht nur Weine kennenlernen, die es „bei uns“ gar nicht gibt, sondern auch Weine aus der gleichen Rebsorte trinken, die jedoch mehr als eine Heimat vorzuweisen haben. Den weißen Rebsorten nicht unähnlich, gibt es auch bei den in unseren Breiten angebauten roten Trauben mehrere Kategorien. Einerseits sind es die offenbar allseits beliebten „internationalen“ Vertreter à la Cabernet Sauvignon, Merlot und Pinot Noir. Dass letzterer jedoch bereits vor vielen Jahrhunderten eine Heimstätte in Deutschland gefunden hat und hier auch mengenmäßig wenige Konkurrenten hat, macht ihn unter bestimmten Kriterien zweifellos zu einer „autochthonen“ Paradesorte.

Die in den kühlen deutschen und österreichischen Klimazonen traditionsreiche Züchtung von Rebsorten umfasst natürlich auch Rotweinsorten. Deren Reputation und Beliebtheit ist mittlerweile vielleicht noch größer als jene von Bacchus, Kerner und co. Man denke nur an die Erfolgsgeschichten von Zweigelt in Österreich (die mit mehr als 14% der Gesamtfläche  unangefochtene rote Nr. 1) oder Dornfelder in Deutschland (Nr. 2 mit 8000 Hektar Rebfläche). Was also nehmen? Getreu unserer Vorliebe für die Kleineren möchten wir mit Blauer Wildbacher und Trollinger zwei wahre Lokalmatadoren vorstellen. Und da wir aber die Kapriziösen und die besonders Feinen ebenso lieben, präsentieren wir des Weiteren zwei Rebsorten, die es sowohl in Deutschland, als auch in Österreich gibt: Lemberger/Blaufränkisch und Sankt/Saint Laurent.  

Der Schwabe

Der Trollinger ist auch unter dem Namen Vernatsch in Südtirol heimisch und dürfte bereits von den Römern kultiviert worden sein. Immenser Beliebtheit erfreut er sich jedoch besonders in Württemberg, wo er mit über 2.200 Hektar Anbaufläche die meistangebaute rote Rebsorte darstellt und als „Nationalgetränk“ gilt. Das dortige südlichere Klima und warme Böden braucht er indes auch, denn er reift recht spät, sogar nach dem Riesling. Die Weine sind von hellerem Rot, mit charmanter Beerenfrucht und erfreuen mit ihrer erfrischenden Säure nicht zuletzt jene Weintrinker, die auf Trinkfreude statt Opulenz und Kraft setzen.

Leicht und säurebetont muss natürlich nicht zwingend gut bedeuten. Doch gilt dies auf jeden Fall für Weine qualitätsbewusster Weingüter, wie jenes von Rainer Schnaitmann im württembergischen Fellbach. Hier lässt man den Trollinger-Weinen jene Sorgfalt angedeihen, die charaktervolle Tropfen hervorbringt. Familie Schnaitmann produziert zwei Weine aus der schwäbischen Lieblingssorte: den klassisch gehaltenen Trollinger Steinwiege, der mit seiner verspielten Art und beschwingten Aromatik alle Vorzüge der Sorte vereint sowie eine Selektion aus alten Reben, die zusätzlich mit Tiefgang überzeugt. Frisch und anregend: eine wunderbare Alternative zum mittäglichen Glas Weißwein!

Rosé, Rot oder Sekt: der Blaue Wildbacher

Eine Rebsorte mit langer Geschichte, später Reife, unverkennbarem Aromaprofil, die frische und belebende Rotweine erbringt? Das geht auch in Österreich, wenn auch in kleinerem Ausmaß. Eine wahrhaft autochthone Rarität ist er, der Blaue Wildbacher, der sich auf 450 Hektar fast ausschließlich in der Weststeiermark heimisch fühlt. Aufgrund von später Reife und der Notwendigkeit bester Lagen ist auch er nicht unkompliziert, doch immens beliebt. Seine Vorteile liegen in der Vielseitigkeit, denn die Winzer erzeugen aus ihm einerseits (bei passender Reife) trockene Rotweine, andererseits aber sehr gerne auch ungemein aromatische Roséweine und mithilfe seiner rassigen Säure auch besonders spritzige Sekte. Wenn sie ausschließlich aus Blauer Wildbacher stammen, dürfen die letzteren zwei die Bezeichnung „Schilcher“ tragen. Zu den steirischen Spitzenbetrieben, die sich diesem Liebling der Österreicher verschrieben haben, gehören Namen wie etwa Langmann vulgo Lex, das Schilcherweingut Friedrich oder Christian Reiterer.

Sankt oder Saint Laurent?

Zu den feinsten, eigenständigsten und für den modernen Weingeschmack interessantesten Sorten gehört zweifelsfrei der mit dem Pinot Noir verwandte Sankt Laurent. Der Name klingt zwar sehr französisch, der Ursprung der Rebsorte wird jedoch eher in Österreich vermutet und der Name mit dem Laurenzi-Tag assoziiert, ab dem sich ihre Beeren für gewöhnlich zu verfärben beginnen. Wie so oft bei Problemkindern im Weingarten (Gefahr und Verdruss drohen durch Spätfrost, unregelmäßige Erträge und aufgrund dünnschaliger, kompakter Beeren durch seine Anfälligkeit für Fäulnis), ist die Anbaufläche sowohl in Österreich (wohl um die 800 ha) als auch Deutschland (650 ha) minimal. Doch wenig überraschend verhält es sich ganz gegenteilig mit der Qualität der daraus gewonnenen Weine und ihrer steigenden Beliebtheit bei Weinfreunden!

Weine aus St. Laurent warten mit beeindruckenden Fähigkeiten auf. Dunkler, etwas erdiger und fleischiger als Spätburgunder zeigen sie saftige Beerennoten, eine tolle Säure sowie angenehme Alkoholwerte – eine Besonderheit der Rebe sei gleichsam ein „eingebauter Zuckerstopp“, wodurch St. Laurent fast nicht überreif geerntet werden könne, meint Georg Schneider, einer der Österreichischen Top-St. Laurent-Winzer aus Tattendorf in der Thermenregion südlich von Wien. Hier liegt auf idealen Böden und guten klimatischen Bedingungen eines der Hauptanbaugebiete dieser kapriziösen Schönheit. Bei Familie Schneider wird der St. Laurent als wichtigste Rotweinsorte gehegt und gepflegt, konsequenter Weise sind die Weine großartig: neben den erwähnten Eigenschaften verfügt beispielweise die Sankt Laurent Reserve 2011 über reife Gerbstoffe und Potenzial für viele Jahre – ein weiteres Ass im Ärmel dieser Sorte.

Wie sieht es mit dem deutschen Pendant aus? Aufgrund seiner schwierigen Art galt Saint Laurent (wie er hier öfter benannt wird) beinahe als ausgestorben. Glücklicherweise besannen sich einige Produzenten eines Besseren und mittlerweile ist eine kleine Renaissance vor allem in der Pfalz und in Rheinhessen zu vermelden. Optimale Bedingungen, viel Hinwendung und geringe Erträge sind auch bei deutschen St. Laurent-Winzern selbstverständlich, zumindest bei solchen wie Frank und Thomas Pfaffmann vom Weingut Wageck-Pfaffmann aus dem pfälzischen Bissersheim. Die Erträge bei ihrem St. Laurent werden gar auf 35 hl reduziert und der Wein folglich als Spitzenprodukt ausgebaut. Zugleich elegant, aromatisch und mit viel Charakter präsentiert sich die 2012 St. Laurent Réserve und beantwortet eindrucksvoll die Frage nach einer Alternative für Spätburgunder!

Ein Deutscher in Österreich oder vice versa?

Das letzte Paar ist eines, dessen Gemeinsamkeit, die Rebsorte, nicht näher vorgestellt werden muss, denn sie ist über jeden Zweifel erhaben eine der großen, noblen Rotweinsorten nicht nur Mitteleuropas, sondern der Welt. Wie so oft, sind auch bei Blaufränkisch/Lemberger die Ursprünge nicht komplett nebelfrei. Fest steht, dass ihre größten und qualitativ bedeutendsten Flächen im österreichischen Burgenland liegen. In Deutschland gilt bekanntermaßen und völlig zu Recht Württemberg als Heimat des Lembergers. Weg von internationalen Moden (üppig, viel Holz) haben hier wie da gewissenhafte und begeisterte Weingüter in den letzten Jahren daran gearbeitet, die wahre Seele dieser tollen Weine offenzulegen: Feinheit, Eleganz, aromatische Eigenständigkeit und Entwicklungspotential.

Wir wollen an dieser Stelle jedoch vier Protagonisten vorstellen, die aus der Reihe tanzen und dies gleich in mehrfacher Hinsicht. Tatsächlich gibt es Lemberger nicht nur in Württemberg (zum Beispiel die tollen Weine des bereits erwähnten Rainer Schnaitmann), sondern vereinzelt auch in anderen Regionen, etwa im rheinhessischen Nierstein. In einem Abschnitt der eigentlichen Riesling-Paradelage Pettenthal hat hier das Team von St. Antony um Felix Peters alte, genetisch vielfältige Blaufränkisch-Populationen aus Österreich auf alte Rieslingstöcke gepropft. Dieses scheinbar verrückte Vorgehen wurde belohnt. Der hier auf seltenem roten Schiefer gewachsene Blaufränkisch Rothe Bach 2013 ist schlicht ein begeisternder Wein, obwohl er naturgemäß noch viel zu jung ist, und seine ganze Pracht erst in einigen Jahren offenbaren wird. Noble, spannungsgeladene Aromen von roten und dunklen Früchten, eine fantastische Säure und Persönlichkeit vom ersten bis zum letzten Schluck. Ist es die Machart? Ist es das Terroir? Ist es die Sorte? Ja.

Sorgfalt und Zeit gehört auch zum Credo des Weinguts Knauss aus Remstal in Baden-Württemberg beschreitet, um möglichst typische, ihrer Region verhaftete und besonders bekömmliche Weine zu produzieren. Umweltschonend, naturnah und intensiv arbeitet man hier vor allem in den Weingärten und die Weine können sich wirklich sehen lassen. Sowohl feiner Trollinger (wie der "Trollinger S 2011") oder ausdrucksstarker Lemberger (z.B. der "Lemberger R") gelingen hier besonders gut und zeigen, warum Württemberg zu Recht auf diese Rebsorten stolz sein kann - wenn sie in die richtigen Hände geraten!

Auch in Österreich gibt es Blaufränkisch-Gebiete, die vielleicht nicht jedermann kennt. Denn natürlich gibt es ihn, den „Blaufränker“ nicht nur im Burgenland. Eine kleine, aber feine Herkunftsregion für diese Sorte ist ebenso der „Spitzerberg“, der im Osten der Rotweinhochburg Carnuntum liegt und geologisch zu den Kleinen Karpaten gehört. Auf kargen, kalkhaltigen Böden entstehen hier besonders feingliedrige Weine, die die blaufränkische Eleganz hervorheben. Besondere Reben werden oft von besonderen Winzern gepflegt und so einer ist auch der Deutsche Jörg Bretz, der seit 2001 im Carnuntum als Winzer lebt. Für ihn ist Blaufränkisch einer, der jeden belohnt, der ihm Zeit gibt. Und im Unterschied zu vielen seiner Kollegen und entgegen dem österreichischen Jungwein-Wahn gibt er sie seinen Weinen auch. Bretz' Weine wie der Blaufränkisch Spitzerberg (aktueller Jahrgang: 2007!) werden puristisch und mit minimalen Eingriffen gekeltert und verbringen mindestens 3 Jahre im Fass sowie weitere Jahre auf der Flasche, bevor sie in den Verkauf dürfen. Wenig verwunderlich sind sie rar und begehrt und begehrenswert schmeckt auch der Wein. Reif, doch keinen Deut müde, mit faszinierend verwobenen Aromen von Gewürzen und Beeren, erhaben und zukunftsreich. Ein wahrlich authentisches und autochthones weinerlebnis!

 

   

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