Ausgabe I/2015

weinerleben Tropfen

Faszination Bordeaux

weinerleben - Ausgabe III

Die Region Bordeaux bietet mit seiner Geologie, den unterschiedlichen Böden und Geländeformen, und seinem Klima ein außerordentliches Umfeld für Weinbau. Doch die Zusammenhänge und Ursachen, die Bordeaux die Reputation verschafft haben, die es heute genießt, sind vielschichtig.

Neben Veränderungen, die durch den Menschen über die Jahrhunderte bewirkt wurden, bleibt das Klima der bestimmende Faktor. Das gemäßigte maritime Klima präsentiert sich beständig unbeständig. Kein Jahrgang fällt wie der andere aus und Elemente wie Sonnenscheindauer, Niederschlag und Temperatur sind einem steten Wandel unterlegen, der die Region einzigartig macht und v.a. die Produzenten aber auch die Konsumenten fasziniert und fordert.
Über die Jahrhunderte hat sich Bordeaux mit Höhen und Tiefen zur wohl wichtigsten Referenzregion für Wein und Weinbau weltweit entwickelt.

Nach einem erneuten, mit den grandiosen Jahrgängen in 2005, 2009 und 2010 gespickten Aufschwung und immenser Nachfrage aus Asien, Russland und den USA, erreichten die Preise schwindelerregende Höhen. Petrus, Lafite, Le Pin, Haut-Brion und eine Vielzahl weitere Spitzengüter rufen Preise von mehreren hundert bzw. tausend Euro auf, die den Wein als Luxusgut oder seltenes Kunstwerk und weniger als Getränk erscheinen lassen. In den letzten Jahren ist die Nachfrage- aber auch die Qualität der Jahrgänge- zurückgegangen, so dass ein deutlicher Abwärtstrend bei den Preisen zu erkennen war und ist.
Dennoch, trotz jüngster Hype-, Qualitäts- und Preiskritik von verschiedenen Seiten, ist Bordeaux weiterhin die Referenz für Spitzenwein weltweit. Auch in den Regionen der Neuen Welt und Asien bestimmen die Bordelaiser Rebsorten, Cabernet Sauvignon und Merlot (u.a.), das Bild und die Winzer blicken stilistisch und idealistisch nach Frankreich.

Der Facettenreichtum der Bordeaux- Weine erstreckt sich über trockene Rot- und Weißweine, sowie edelsüße Weißweine. Hierbei liegen die Top- Appellationen direkt in den Uferregionen des Gironde- Flusses. Saint-Julien, Pauillac, Margaux und Saint-Estephe am Linken Ufer, Pomerol und Saint-Emilion am Rechten Ufer, Graves südlich der Stadt Bordeaux und Sauternes im weiteren Verlauf des Garonne Flusses nach Südosten sind jene Regionen, die Weinenthusiasten weltweit aufhorchen lassen. 

Aber welche Eigenschaften machen Wein aus Bordeaux so besonders?
Für mich sind dies vor allem die Wandlungsfähigkeit und das Potenzial großer Jahrgänge, das manche Weine schier unsterblich erscheinen lässt. 1947 ist so ein Jahrgang. Von großer Hitze und Trockenheit geprägt präsentieren sich die Weine auch im Jahre 2015 noch frisch, vital und dicht. Sowohl ein jüngst verkosteter 1947 Chateau La Conseillante (Pomerol), als auch ein Chateau La Haye (Weißwein aus Graves) und insbesondere ein Chateau Cantenac (Saint-Emilion) wussten noch restlos zu begeistern.

Der Chateau Cantenac zeigte sich dunkel-rot und strahlend mit gesunder Struktur und toller Komplexität und Länge. Die primären, jugendlichen Fruchtaromen waren fast vollständig abgelegt und aromatisch war der Wein eindeutig auf der dunklen Seite mit Erde, Leder, Zigarre, Waldboden und viel dunkler Schokolade. Spuren von Orangenschale, frische sowie getrocknete Kräuter brachten Frische und ergänzten die Aromatik. Auch auf der Zunge war der Wein voll da, mit viel dunkler Frucht von Beeren und Schwarzkirsche, Lakritz, Lebkuchen, erdigen Noten, Herbstlaub und noch mehr dunkler Schokolade in einem Paket aus feiner, vitaler Säuer und Tanninen. Ein Wein voller Kraft, Tiefe, Komplexität und Spannung in harmonischer Passung.

Generell ist es faszinierend, die mit der Haltbarkeit einhergehende Wandlungsfähigkeit der Weine über die Jahre zu beobachten. Wenn auch in der Vergangenheit die Weine in ihrer Jugend schwer oder kaum zugänglich waren, so hat sich v.a. durch vermehrten Einsatz von neuem Holz im Ausbau der Weine und durch spätere Lese, die Zugänglichkeit der jungen Weine in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren verbessert.

Ein junger 2009er Bordeaux macht auch jetzt schon mit intensiver Frucht, Tiefe, Druck und Opulenz Spaß, kann aber über viele Jahrzehnte eine Entwicklung und Integration seiner Komponenten vollziehen, die ihn vielleicht mit ähnlichen Eigenschaften versehen, wie den soeben beschriebenen 1947 Chateau Cantenac.
Natürlich ist Bordeaux Klischee und Tradition, Hype und Masse, Sammelobjekt und Kult. Es wäre dennoch ein großer Fehler, Bordeaux aus dieser Sichtweise heraus zu ignorieren.

Ihnen würden einige der größtmöglichen weinerlebnisse entgehen.

© Thomas Werdelmann 

   

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