Ausgabe II/2014

weinerleben Tropfen

Die subjektive Seite. Wein schmecken und riechen.

weinerleben - Ausgabe II

Obwohl weltweit deutlich mehr als tausend verschiedene Rebsorten existieren, werden die meisten Weine aus einer- bzw. einer Auswahl - der zwanzig am häufigsten verbreiteten und kommerziell relevanten Sorten hergestellt. Neben Rebsorten, die zwar für die Produktion riesiger Mengen verantwortlich sind (wie z.B. Airèn in Spanien oder Trebbiano in Italien), aber nur selten auf Etiketten Erwähnung finden, da sie in oft billigen Massenweinen verschnitten werden oder als Grundlage für andere alkoholische Produkte (u.a. Armagnac oder Cognac) dienen, dominieren die „klassischen Sorten“ die Auswahl im Weinregal.
Mit jeder Rebsorte geht eine individuelle Charakteristik einher, die zwar von einer Vielzahl von externen, komplexen und interdependenten Faktoren beeinflusst wird, aber doch auf grundsätzliche Eigenschaften, die die Typizität der Sorte beschreiben, zusammengefasst werden können. Betrachten wir zum Beispiel den Riesling, die klassische, weiße Traube aus Deutschland. Rieslingweine sind in der Regel frisch und fruchtig, besitzen Transparenz und- gerade in Deutschland- eine präsente Säure. Gelbe Frucht bestimmt die Aromatik, wobei die vielfältige Ausprägung, je nach Region variiert. Moselriesling ist feingliedrig, während Abfüllungen aus südlichen Regionen üppiger ausfallen. Jedes Anbaugebiet verpasst dem Riesling seinen regionalen Fingerabdruck. In Regionen, wie beispielsweise Australien oder Oregon, wo die Reife früher eintritt, zeigen sich Petroltöne oder Zitrusnoten schneller und häufiger. Die andere große Weißweintraube, der Chardonnay, ist ähnlich gut, wie der Riesling, in der Lage, seine Herkunft im Glas abzubilden. Grundsätzlich kräftiger und opulenter als Riesling, weißt das Spektrum von breiter, buttriger Stilistik über größte Finesse und Mineralität hin zu kräftiger, gelber Frucht. Die feinsten, faszinierendsten Chardonnay kommen aus dem Burgund, während die fruchtgetriebenen Exemplare häufig aus der Neuen Welt (v.a. Kalifornien, Australien und Neuseeland) kommen. Auch die andere große Burgunderrebsorte, der Pinot Noir (in Deutschland Spätburgunder), hat eine erfolgreiche Verbreitung in den letzten Jahrzehnten vollzogen, obwohl die Sorte als allgemein schwierig gilt. Die Feinheit und der Nuancenreichtum, wie sie sich im Burgund zeigen, sind anderenorts kaum zu reproduzieren. Für einen Rotwein ist der Wein wenig tanninreich und von Süße und (oft) dezenter Würze. Farblich grundsätzlich heller und transparenter, kann Pinot Noir je nach Jahrgang, Reifegrad und Konzentration auch ein kräftiges Dunkelrot zeigen.

Als letztes möchte ich Ihnen die vielseitigste und am eindeutigsten zu erkennende Rebsorte vorstellen: Cabernet Sauvignon.
Cabernet Sauvignon hat in der Tat einen weltweiten Siegeszug vollbracht, der sich aktuell auch in signifikanter Form maßgeblich für die Expansion der Rebflächen in China und Indien verantwortlich zeigt. Cabernet Sauvignon reift spät und gedeiht überall dort, wo es ausreichend warm ist. Klassischerweise ist es jedoch die Traube des Médoc, wo sie den Hauptbestandteil, meist neben Merlot und Cabernet Franc, in einer Bordeaux- Cuvée ausmacht. Cabernet Sauvignon hat eine intensive, tief- rote Farbe und ein robustes Tanningerüst. Dunkle Beeren, insbesondere schwarze Johannisbeere, manchmal

(grüne) Paprika und Kräuter beschreiben die Weine aromatisch. Prestigeträchtige, reinsortige Cabernet Sauvignon kommen aus Kalifornien´s Napa Valley, aus Regionen in Australien, aber auch aus Italien. Grundsätzlich lässt sich aber mittlerweile auch in diesen Regionen die Tendenz zum Verschnitt mit anderen Rebsorten, wenn auch nur in kleinen zugesetzten Mengen, feststellen.

Die Auswahl zeigt bereits, dass eine absolute und eindeutige Beschreibung von Rebsorten schwierig ist. Zu viele Faktoren beeinflussen das, was am Ende im Glas von Ihnen erlebt wird. Anbaugebiet und Ausbauweise sind hierbei die entscheidenden Faktoren. Wie ist der Boden im Weinberg beschaffen? Wie war das Wetter in dem jeweiligen Jahr?
Wann hat der Winzer die Trauben gelesen? War der Wein im Stahltank oder Holzfass? Weißt der Wein Fehltöne auf? usw.usw.
Hinzu kommt die Frage des Alters. Bei Flaschenlagerung entwickelt sich der Wein. Er reift, wobei grundsätzlich primäre Frucht zurücktritt, Tannine weicher werden und die Säurestruktur in den Hintergrund rückt und der Wein zugänglicher wird. Rebsortenabhängig werden gewisse Aspekte gestärkt. Riesling entwickelt Petrol-, Zitrus- und/ oder Kräutertöne, während Cabernet Sauvignon Leder, Waldboden oder teerartige Nuancen freisetzt.Bei aller Komplexität kann man bis zu diesem Punkt noch argumentieren, dass ein präzise programmierter Roboter in der Lage wäre, einen Wein anhand seiner Chemie objektiv zu erfassen. Der weintrinkende Mensch ist hierzu (zum Glück) nicht in der Lage, da seine kulinarische und sensorische Sozialisation als auch seine individuelle physische (Geschmacksrezeptoren) und biologische (Bakterien im Mund und Rachenraum) Grundausstattung verhindert, dass er standardisiert und objektiv schmecken kann.

Ich weiß nicht, ob sie in Fachzeitschriften schon einmal Verkostungsnotizen, die zwei oder mehrere Experten zu ein und demselben Wein verfasst haben, durchgegangen sind. Sie werden feststellen, dass diese keinesfalls immer identisch sind. Im Gegenteil, sie werden Unterschiede, (hoffentlich) weniger in der Beschreibung der Stilistik und Qualität, aber in der Beschreibung der Aromatik und Geschmackstruktur des Weines feststellen. Wo der eine Kritiker vielleicht mehr „reife Frucht und Schwarzkirsche“ schildert, sieht der Andere „Dunkle Beeren und erdige Noten“. Was der Eine als „salzig“ oder „präsente Aniswürze“ erkennt, wird als „nasser Kiesel“ oder „Pfeffernote“ auf anderer Seite wahrgenommen.
So stehen am Ende stets der individuelle Geschmack und die eigene Präferenz. Seine Vorlieben und, allem voran, seine Kenntnisse und Fähigkeiten zu schulen und sensibilisieren, gelingt nur durch Üben, Üben und nochmals Üben; bzw. Verkosten, Verkosten, Verkosten… und die Erkenntnis, dass es in puncto Weingeschmack die absolute, interpersonelle Wahrheit nicht gibt.

Viel Vergnügen beim Verkosten und weinerleben!

© Thomas Werdelmann 

   

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