Ausgabe V/2016

weinerleben Tropfen

Steiermark, wie sieht’s aus?

weinerleben - Ausgabe IV

Damit wir uns später an den guten Neuigkeiten erfreuen können, sollten wir vielleicht mit den schlechten beginnen, denn wir wollen uns vorrangig eigentlich mit Trends und Stimmungen in der wahrscheinlich landschaftlich schönsten Weinregion Österreichs ansehen, in der Steiermark.

Aus dem aktuellen Jahrgang 2016 wird vermutlich nur sehr wenig Wein das Licht der Welt erblicken. Schuld daran ist wieder einmal das immer unberechenbarer werdende Klima, das weite Gebiete der steirischen Weinregionen über die gesamte Vegetationsphase hinweg mit Wetterauswüchsen überzog, die sich ein Weinbauer nur in seinen schlimmsten Träumen vorstellen will. Als einige Rebsorten bereits mitten im Austrieb waren, überzogen Ende April ein gewaltiger Spätfrost sowie schwere Schneefälle weite Teile der Wein-Steiermark und vernichteten innerhalb kürzester Zeit bis zu 90% der jungen Triebe. Dem nicht genug, folgte ein Sommer mit zahlreichen Niederschlägen und Gewittern. Diese luden die Fäulnis zum bunten Treiben ein und zu guter Letzt tobten noch schwere Hagelunwetter über die noch heil gebliebenen Rebstöcke.

Wir haben repräsentativ für die vielen tollen Betriebe das Weingut Lackner-Tinnacher[nbsp]aus Gamlitz in der Südsteiermark und das nicht minder bekannte Weingut Neumeister[nbsp]aus Straden (Weinbauregion „Vulkanland Steiermark“) befragt und es ist zweifelsohne exemplarisch und erschütternd, dass beide in diesem Jahr nur eine Ernte von 15-20% der Normalmenge erwarten! Wenig Wein, um Kunden zufriedenstellend bedienen zu können und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch höhere Preise – darauf müssen sich die Weinfreunde einstellen, was unter den genannten Umständen aber mehr als nachvollziehbar sein sollt.

Selbstbewusst gut

Trotzen wir gemeinsam mit den Steirern dem Wetterübel und wenden uns den positiven Seiten zu. Welche Trends zeichnen sich ab, wohin geht die Reise im Hinblick auf Weinstilistik und „Terroir“? Ja, das Wort wird inflationär verwendet, doch hat es seine Berechtigung, wenn damit das gemeint ist, worum es bei Weinen mit Ausdruck und Charakter gehen soll: die Verbindung der geeigneten Rebsorten mit den für sie prädestinierten Lagen unter der liebevollen Obhut und Interpretation der Winzerin, des Winzers. Und so sind es insbesondere die Weingärten, die bei Lackner-Tinnacher und Neumeister im Fokus der Aufmerksamkeit stehen. Biologische Bewirtschaftung, Handarbeit am Rebstock, geringe Erträge, lange Maischestandzeiten, um die feinen Nuancen aus den Trauben zu kitzeln, spontane Vergärung und lange Reifung auf der Hefe: so gewinnen die Weine neben den beliebten steirisch-fruchtbetonten Noten auch Vielschichtigkeit, Tiefe und ein langes Leben.

Besonders wichtig ist für diese, wie auch für andere Topbetriebe der mannigfaltigen steirischen Weinregionen die Betonung der jeweiligen Lage. Ohne all die Spitzenlagen der jeweiligen Regionen erwähnen zu können (bei Lackner-Tinnacher beispielsweise Steinbach, Flamberg oder Welles, bei Neumeister die ebenfalls wohlklingenden Moarfeitl oder Saziani), lässt sich grundsätzlich festhalten, dass die Weine, die sie hervorbringen, besonders mineralisch, besonders langlebig und wenn auch in der Aromatik manchmal leiser, dafür umso tiefgründiger auftreten. Billig sind die Tropfen nicht, doch sieht man sich die teils atemberauben steilen und nur per Hand zu bearbeitenden Spitzenlagen an, wird schnell klar, dass hier „teuer“ nur im Sinne von „dem Herzen teuer“ interpretiert werden sollte, was auch die kaum zu befriedigende Nachfrage nach diesen Kostbarkeiten beweist. 

Der steirische Diamant

Die Rebsorten-Klassiker im Süden Österreichs sind nicht unbekannt: Welschriesling, Weiß- und Grauburgunder, Morillon a.k.a Chardonnay, Traminer, Muskateller, etwas Pinot und Zweigelt, in der Weststeiermark der Exot Blauer Wildbacher und auf der „Schieferinsel“ Sausal dürfen wir den Riesling nicht vergessen. Das auch international begehrte Aushängeschild ist und bleibt jedoch bestimmt der Sauvignon Blanc, der mittlerweile auch mengenmäßig die frühere Nr. 1 Welschriesling überholt hat. In Österreich wird er – ebenso wie der Muskateller – als „schmeckerte“ Rebsorte betitelt, was den einnehmenden Aromen zu verdanken ist. Seine Beliebtheit ist beeindruckend und die Anbauflächen wachsen seit gut 15 Jahren unaufhaltsam, landein, landaus. Gewiss, die absoluten Zahlen muten mit 680 Hektar oder 15% in der gesamten Steiermark (7% im Vulkanland, 20% in der Südsteiermark) nicht allzu groß an.

Stile und Kunkurrenz

Die klassischen, im Stahltank ausgebauten Sauvignon-Versionen sind von typischen Noten à la Holunder, Kräuter, Stachelbeere und Zitrus geprägt und bilden mit ihrer prägnanten Säure und Frische den Grundstock der steirischen Stilistik. Bei den Weinen der Reserve- und Lagenkategorie können auch große oder gar kleine Fässer zum Einsatz kommen. Sie präsentieren sich tiefgründiger, gehaltvoller und können großartig reifen – wenn man sie lässt. Nun gibt es ja Sauvignon Blanc in der gesamten Weinwelt und die Konsumenten vergleichen gern die einen mit den anderen, nicht zuletzt im Verhältnis zwischen Preis und Leistung. Eines ist gewiss: die Steiermark kann und darf sich nicht auf Preiskämpfe einlassen. Die Produktionskosten sind hier nun mal viel höher als im vielerorts mechanisierten Neuseeland, um einen beliebten Vergleichspartner zu nennen. Die besten steirischen Winzer haben aber längst begriffen, wo entlang der „richtige“ Weg führt. Die Herkunft betonen, unverwechselbar sein, nachhaltig und ehrlich arbeiten. Die Kunden im Inn- und Ausland spüren dies, akzeptieren den etwas höheren Preis und verlangen nach viel mehr Wein, als die Steiermark liefern kann. Bedauerlicherweise umso weniger, wenn das Klima wie in diesem Jahr derart kapriziös agiert.

Für Christoph Neumeister ist es das Wichtigste, „einen Grund zu schaffen, warum jemand deinen Wein trinken soll“. Katharina Tinnacher beantwortet dies, denn sie mag „elegante Weine, die zeigen, wo sie herkommen und durch ihren Charakter begeistern“. Ob Sauvignon oder Morillon, ob weiß oder rot, die guten Winzer der Steiermark werden uns auch künftig Gründe geben, warum wir auf ihre Weine nicht verzichten werden wollen, daran glauben wir ganz fest! 

   

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