Ausgabe VI/2016

weinerleben Tropfen

Zauberhaftes Odinstal

weinerleben - Ausgabe IV

Allein der Weg hinauf zum Weingut hat schon etwas Besonderes. Nachdem man den irgendwie niemals enden wollenden Forstweg durch den Wald passiert hat, lichtet sich dieser plötzlich und es erscheint ein herrschaftliches Gutshaus am Ende des Weges. Vorbei an den grasenden Charolais-Rindern und den Rebzeilen, kommt man oben auf dem Plateau an, welches auf 350 Metern Meereshöhe liegt und einen saganhaften Blick über die Pfalz bietet. Hört sich fast ein wenig kitschig an, ist aber genau so.

Nun widmen wir uns aber dem Wesentlichen, dem Weinbau. Odinstal ist die höchste Einzellage in der Mittelhaardt, die sich darüber hinaus durch mineralische Böden, wie Basalt, Muschelkalk und Bundsandstein auszeichnet. Diese Komponenten sowie die biodynamische Bewirtschaftung prägen insbesondere den Charakter der Weine.

Durch die kühlere Lage reifen die Trauben extrem langsam und so hatte ich auch noch Anfang November die Gelegenheit, bei der Weinlese teilhaben zu können. Aber nicht nur die speziellen klimatischen Bedingungen und Einflüsse des umringenden Waldes haben dies möglich gemacht, sondern auch die sorgfältige und extrem zeitaufwendige Lese-Methode von Susan Scholz und Andreas Schuhmann. Das Duo beweist gerade in den letzten Monaten enorme Ausdauer und so sind die beiden selbst nach der achten Lesewoche – bei gerade mal 6 ha – noch mit viel Freude bei der Sache, wenngleich das anstrengende Weinjahr 2016 ohnehin bereits sehr an den Kräften der beiden gezehrt hat und noch die ein oder andere Lesewoche bevor steht. 

Langweilig wird es auf einem Weingut sicherlich nie, aber zu Zeiten der Lese ist die Anforderung an das Team dann doch nochmal eine andere. Pünktlich um 7:00 Uhr geht es los und dann heißt es erst mal Kelter reinigen, Trester zum Kompost fahren und die Analyse des über Nacht gekelterten Mostes erstellen. Nach gut einer Stunde geht es dann auch schon Abmarsch in den Vineyard, wie die Weinberge in der Pfalz gern auch mal genannt werden. Dort wird jede Traube behutsam auf Fäulnis kontrolliert und das unsaubere Beerenmaterial direkt aussortiert. Die zum Teil mit Minimalschnitt bearbeiten Rebstöcke machen das lesen zwar nicht immer einfach, aber um so entdeckungsreicher, so z.B. kleine Vogelnester, die sich hinter den Blättern verstecken. Nur ein Indiz dafür, dass Flora und Fauna hier wirklich im Einklang sind.

Das Lese-Team ist täglich bunt gemischt, was das gemeinsame arbeiten besonders unterhaltsam und abwechslungsreich macht. Jungwinzer aus der Region, ehemalige Azubis, Gastronomen, Sommeliers und Freunde des Hauses, alle packen an, um mit viel Sorgfalt und Aufmerksamkeit das Traubengut zu ernten. Allen voran Anna und Stanislav, die bereits seit 15 Jahren auf dem Weingut arbeiten und es somit aus ihrer Westentasche kennen, und uns immer einen Schritt voraus sind ... unglaublich wie schnell man dann doch lesen kann ... Den Adleraugen von Andreas und Susan entgeht dabei aber nichts, so dass wirklich nur einwandfreie Trauben in die Kelter gelangen. Wind und Wetter können der Stimmung keinen Abbruch tun, dazu trägt vor allem Susan bei, die mit einem sehr sonnigen Gemüht beseelt ist und immer einen kessen Spruch auf den Lippen hat. Aber auch Andreas mit seinen kurzen Gesangseinlagen sind nicht zu verachten. Einfach herrlich und sehr herzlich.

Um gegen die Wetterkapriolen des Jahres anzukämpfen wurden die Pflanzen z.B. mit Kompostpräparaten und Pflanzentees unterstützt – eigentlich wie immer, allerdings musste das Team dieses Jahr gleich zwanzigmal antreten, ungewöhnlich oft. Doch die Mühen haben sich gelohnt und so konnten überwiegend reife und gesunde Trauben geerntet werden. Vom Weinberg kommt das Lesegut dann direkt in die Kelter, wo diese ein paar Stunden auf der Maische stehen, bevor der Most schließlich in den Tank gefüllt wird.

Nach der Lese ist vor der Lese und so heißt es, sobald die Dämmerung eingetreten ist, ab in den Keller: sauber machen und alles für den nächsten Tag vorbereiten. Hygiene hat bei den beiden oberste Priorität. Bei ungeübten kann so eine Tank-Säuberungs-Aktion allerdings auch gern mal die abendlichen Dusche ersetzen ... ich spreche da aus Erfahrung ;-)

Den richtigen Abschluss findet der Tag allerdings in der Weingutsküche, wo Ute und Thomas Hensel mit herzlichen Gastgeberqualitäten jeden willkommen heißen und der Abend dann bei feinen Weinen und leckeren Speisen sein Ende findet. Eine kurze Einführung in die Thematik des sanften Rebschnitts, Jahrgangsverkostungen und Konkurrenzanalysen durfte bei unserem „Praktikum“ natürlich fehlen. Was eine glücklicher Fügung, dass wir unser Zimmer auf dem Weingut bezogen haben und so die Abende bis zur letzten Minute genossen werden konnten. Es ist schon bemerkenswert, wie viele Menschen dort tagtäglich ein und aus gehen und so das eh schon vielseitige Weingutsleben zu etwas ganz Besonderem machen. Das kann man bzw. ich in jedem Fall unterstreichen - dieser Ort lebt von den einkehrendenden Menschen, extremer Herzlichkeit und vom Respekt vor der Natur.

Letzteres wird nochmals durch den funktionierenden Biokreislauf auf dem Weingut deutlich. Aromatischer Honig, feinstes Rindfleisch, Cidre, Apfelbrand, Tresterbrand vom Gewürztraminer (aktuell eine Komponente im NOMA Menü) und natürlich Traubensaft stammen vom eigenen Weingut und machen deutlich, dass hier Biodynamie mit Sinn und Verstand und vor allem ganzheitlich gelebt wird.

Eine Woche Lese bringt natürlich nur einen winzigen Einblick in das tägliche Handwerk eines Winzers, aber selbst dieser kurze Zeitraum macht mir noch deutlicher, was geleistet werden muss, damit wir letztendlich einen authentischen und charaktervollen Wein im Glas haben.

Für meinen Teil bin ich sehr froh, dass auf Weingut Odinstal ein so hoher Qualitätsanspruch gelebt wird und ich so stets ganz besondere weinerlebnisse von dort genießen darf.

In der Region gibt es zudem hervorragende Restaurants, unkompliziert, schnörkellos und sehr fein. Bei Interesse an Tipps bitte gern bei mir melden.

Also ab in die Pfalz - ist für mich immer eine Reise wert! Persönlich freu ich mich schon auf Teil 2. – Rebschnitt. 

 

*** Gastbeitrag von Christin Baumeister *** 

   

Zurück