Ausgabe VIII/2015

weinerleben Tropfen

Zu Hause wachsen!

weinerleben - Ausgabe IV

Regionalität, Terroir, Ursprung oder die wundervolle englische Schöpfung „somewhereness“ sind aktuell vielgehörte Begriffe, nicht zuletzt wenn es um Essen und Trinken geht. Nicht zu Unrecht, wie wir meinen, machen sich Menschen heute immer öfter berechtigte Gedanken um die Herkunft ihrer Lebensmittel oder interessieren sich für althergebrachte, „traditionelle“ oder „heimische“ Rebsorten, um beim Thema Wein halt zu machen. Der Trend zum Naheliegenden bewegt seit einigen Jahren aufgeschlossene Weintrinker, neben den „internationalen“, allseits verbreiteten Weinstilen und Rebsorten, auch mal bislang vernachlässigte oder nicht der breiten Öffentlichkeit bekannte Tropfen kennenlernen zu wollen. So manche dieser wunderbar eigenständigen Sorten werden unter dem Begriff „autochthon“ zusammengefasst.

Doch was heißt autochthon eigentlich? Eine Definition von Wein-Plus bietet beispielsweise dieses recht breite Bedeutungsfeld: „Der bei der Beschreibung von Rebsorten häufig verwendete Ausdruck „autochthon“ besagt im engeren Sinne, dass die Rebe nahezu ausschließlich oder in überwiegendem Maße in einem bestimmten Gebiet traditionell angebaut wird, wo sie auch entstanden ist oder zumindest auf eine relativ lange Geschichte zurückblicken kann und eine gewisse kulturelle Bedeutung erlangt hat.“ Dies gilt natürlich je nach Blickpunkt und Absicht für eine ganze Reihe von Rebsorten; bekannte oder weniger geläufige, weiße wie rote, althergebrachte oder solche jüngeren Ursprungs…

Auf Deutschland und Österreich und auf die weißen Sorten beschränkt, könnte man jedenfalls mit Fug und Recht die mengenmäßig dominierenden Platzhirsche Riesling, Grüner Veltliner, Silvaner oder Welschriesling erwähnen. Ihr Ursprung mag teils unbekannt sein und verbreitet sind sie auch in anderen Ländern, zumindest jenen Mitteleuropas. Tradition und ihre lange Geschichte machen sie jedoch zweifellos auch zu deutschen oder österreichischen Klassikern, von ihrer Qualität ganz zu schweigen! Und die Burgundersorten à la Weißburgunder, Grauburgunder und natürlich Chardonnay? Werden sie nicht in allen nur erdenklichen Weinregionen auf dem gesamten Globus gepflegt? Gewiss, doch ihre Verbreitung durch die Klöster führte sie oft zunächst in unsere Gefilde und so kann man sie kaum als Fremde bezeichnen. Dasselbe muss letztlich auch für die trendigen Aromasorten wie Traminer, Muskateller oder Sauvignon Blanc gelten.

Wir wollen für diese Ausgabe des weinreports „autochthon“ enger und vor allem „kleiner“ definieren und über eine Handvoll weißer Rebsorten berichten, deren Anbauflächen zwar klein sind, doch ihr Potenzial oder Genusswert in vielen Fällen beachtlich groß. Und wer weiß, vielleicht können wir für sie auch eine neue Fangemeinde gründen!

Deutschland: Züchtungen und versteckte Juwele

Lässt man nun das deutsche Terroir-Wunderkind Riesling beiseite und vernachlässigt auch den Rest der allseits bekannten Reben, bleibt eine schiere Unzahl an gekreuzten (oder gezüchteten) Sorten, die sich seit längerer oder kürzerer Zeit, mehr oder weniger erfolgreich in den deutschen Weingärten behaupten. Um gute Erträge, frühere Reife und geringere Anfälligkeit für Krankheiten im unsicheren, kühlen Klima Deutschlands zu erzielen, fanden Akteure wie Müller-Thurgau, Kerner, Bacchus oder Scheurebe – um nur wenige zu nennen – in vielen Regionen eine willkommene Heimat. Über das Potenzial ihrer „Größe“ ließe sich bestimmt trefflich streiten. Nicht zu bestreiten ist, dass qualitätsbewusste, überzeugte Winzer auch aus diesen oft belächelten Sorten­ tolle Weine keltern können, die auch ihre Herkunft zu zeigen imstande sind. Warum auch nicht?

Der Weiße

Deutschland bietet neben den oben erwähnten Klassikern auch eine Handvoll von Rebsorten, die ein klein wenig ihr Schattendasein fristen. Ihre Anbaufläche ist gering, ihr Renomee meist auch, und doch widmen sich ihnen einige überzeugte und überzeugende Produzenten, um aus ihnen durchaus charaktervolle Weine zu erzeugen. Einer dieser kleinen Protagonisten ist der Elbling.

Seine Heimat ist die Obermosel südwestlich von Trier, wo er auf circa 560 Hektar angebaut wird. Der Name stammt vom lateinischen „vitis alba“ für „weiße Rebe“ ab und mit der Römerzeit hat er auch eine beeindruckend lange Anbautradition von über 2000 Jahren gemein. Die Rebsorte stellt geringe Ansprüche und ist im Anbau unkompliziert, weshalb sie früher auch für große Erträge herhalten musste. Das Weingut Matthias Dostert aus Nittel zeigt, dass es auch anders geht. Hier werden bis zu 4 verschiedene Elbling-Weine produziert, wobei die Erträge begrenzt werden und auf Reife geachtet wird. So kann der Elbling seine Vorteile ausspielen: Leichtigkeit, geringer Alkohol, zarte Apfel- und Kräuternoten und eine erfrischende Säure, die sich naturgemäß auch hervorragend für die Versektung eignet. Und so ist auch der Elbling-Sekt des Weinguts mit traditioneller Flaschengärung ein wirklich beschwingter und eleganter Tropfen, der sich vor seinen großen Brüdern aus Riesling nicht zu verstecken braucht!

Gut und edel

Als weiteres autochthones Mitglied der deutschen Rebenfamilie muss der Gutedel genannt werden. Seine Geschichte soll sogar noch ehrfürchtigere 5000 Jahre zählen, und auch in Deutschland wird er bereits im 17. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Gewiss liegt sein Schwerpunkt als Chasselas in der Schweiz und er kommt ebenso in Frankreich vor, doch ist der Gutedel zweifelsfrei auch im Markgräflerland im Süden Badens heimisch, wo er mit über 1000 Hektar Anbaufläche mit großer Beliebtheit glänzt. Gutedel-Weine werden als eher mild und leicht gesehen, doch können sie aufgrund ihrer nicht zu intensiven Geschmacksnoten besonders gut das Terroir abbilden. So setzt zum Beispiel die bekannte Winzerfamilie Ziereisen aus Efringen-Kirchen nicht nur auf einen klassischen Gutedel namens Heugumber, sondern geht bei ihrem Topwein Steingrüble auch ungewöhnliche, aufwendige Wege. Maischestandzeiten, langes Hefelager und Holzfässer zeigen, dass man mit Hingabe tolle Weine erzeugen kann – auch aus Gutedel.

Österreich: klein aber oho

Die Situation der autochthonen Rebsorten in Österreich ist eine gänzlich andere, zumindest wenn wir bei unseren Kriterien „rar“ und „klein“ bleiben. Klein bedeutet in Österreich wirklich klein, doch rar ist in vielen Fällen mit tatsächlich herausragend gleichzusetzen. Denn die hier vorgestellten Weine und Rebsorten sind nicht nur regionaltypisch und unvergleichbar, sondern gehören mit zum Besten, was Österreich zu bieten hat! Sie sind wenig überraschend durchwegs schwierige Zeitgenossen, die die Winzer im Anbau und Arbeitsaufwand vor harte Geduldsproben stellen – zweifellos ein Hauptgrund, warum sie beinahe „ausgestorben“ wären. Glücklicherweise ist seit einigen Jahren eine immer stärkere Hinwendung zu diesen fantastischen Nischenweinen festzustellen – im Inland wie auf der internationalen Bühne. Typizität und spezifische Herkünfte stehen glücklicherweise immer mehr im Fokus vor allem junger Konsumenten.

Veltliner – aber nicht grün

Ein typisches Beispiel für das unbekannte Gute ist der Rote Veltliner. Nicht mit dem viel berühmteren Grünen Veltliner verwandt, ist er eine uralte Rebsorte, die früher viel weiter verbreitet war, als es die aktuellen knapp 200 Hektar vermuten lassen. Tatsächlich gilt der Rote Veltliner sogar als natürlicher „Vater“ vieler anderer österreichischer Sorten. Er stellt hohe Ansprüche an den Standort, reift spät und ist zudem anfällig für den Botrytis-Pilz. Durch gezielte Weingartenarbeit und Sorgfalt in der Vinifikation kann der Rote Veltliner jedoch ungemein gaumenfüllende, von der Reife getragene Weißweine ergeben, die zudem eine tolle Lagerfähigkeit besitzen.

Seine heutige Heimat ist die westlich von Wien liegende Region „Wagram“, deren qualitätsbewusste Winzer sich der schwierigen Rebsorte gerne widmen. So erzeugt zum Beispiel Josef Fritz aus Zaussenberg eine ganze Palette an Roten Veltlinern - klassisch, im Akazienholz ausgebaut oder sogar als Orange Wine. Ein großer Liebhaber der Sorte ist unumstritten auch der im benachbarten Kremstal beheimatete Mantlerhof. Sein Roter Veltliner Reisenthal gilt beinahe schon als österreichische Legende – Hinwendung im Weingarten und schonende Verarbeitung im Keller machen ihn zu einem Flaggschiff des Betriebs, das Jahr um Jahr großartige Qualitäten liefert und das Herz der Weinfreunde höher schlagen lässt!

Das Duett aus dem Süden

Das Weinbaugebiet Thermenregion südlich von Wien ist die Heimat zweier autochthoner Sprösslinge des Roten Veltliners: der eine heißt Zierfandler, der andere Rotgipfler. Beide haben Einiges gemeinsam und sind doch eigenständige Vertreter einer uralten Tradition. Mit kaum mehr als je 100 Hektar wachsen sie auf überschaubaren Anbauflächen und aufgrund später Reife und hohen Ansprüchen verursachen sie ihren Winzern so manch schlaflose Nacht. Gemeinsam ist ihnen aber auch das Zeug zur Größe, denn die Topweine aus Zierfandler und Rotgipfler gehören zu den gesuchten Spitzenweinen innerhalb und nicht selten auch außerhalb der Alpenrepublik.

Und wie schmecken sie? Die Aromatik des Zierfandlers (gerne auch „Spätrot“ genannt) ist eher kühler: Apfel, Quitte, Limette und dazu eine spürbare, lebendige Säure, die ihn somit auch für Süßweine ins Spiel bringt. Die Weine weisen eine tolle mineralische Ader auf und können wunderbar reifen. Der Rotgipfler zeigt sehr reife, oft exotische Aromen nach Melone, Mango oder Mandarinen, sein Charakter ist etwas fülliger und „wärmer“, mit den Jahren wird dieser Schmelz immer intensiver. Eine Besonderheit ist auch die Vermählung dieser beiden Sorten im sogenannten „Spätrot-Rotgipfler“, einer für die Region traditionellen Cuvée, in die jede Sorte ihre Vorzüge einbringen kann.

Die Thermenregion beherbergt neben einer wunderschönen Landschaft und typischer Buschenschank-Kulinarik eine Vielzahl von renommierten Betrieben, deren Herzblut in die Imagepflege ihrer autochthonen Sorten fließt. Exemplarisch seien genannt: Die Familie Stadlmann aus Traiskirchen mit ihrem Klassiker Zierfandler Mandel-Höh, der seit vielen Jahren als strahlendes Aushängeschild für diese Rebsorte gilt. Aus dem selben Ort Familie Alphart, deren Rotgipfler in allen Stilistiken verfügbar sind – stets in höchster Qualität, wie die Topweine Rotgipfler Rodauner oder Rotgipfler Rodauner Top Selektion eindrucksvoll beweisen. Und gewiss nicht zuletzt das Weingut spaetrot gebeshuber aus Gumpoldskirchen, das sich im Weißweinbereich ausschließlich diesem Sortenpaar widmet und diesen nicht nur im erwähnten Verschnitt anbietet, sondern mit rotgipfler laim und zierfandler modler auch zwei Spitzen-Lagenweine im Talon hat.

Es zahlt sich aus, diese Weine zumindest einmal probiert zu haben, unserer Meinung nach sind es wahre weinerlebnisse!  

   

Zurück