Ausgabe I/2014

weinerleben Tropfen

Die Kunst, einen guten Wein zu erkennen

Die Faszination des Weins liegt in seiner Unterschiedlichkeit, seiner Vielfalt und seiner Individualität. Ständig hören wir von guten und von schlechten Weinen. Doch was macht Weinqualität tatsächlich aus? Wie gelingt es uns, zwischen gutem und weniger gutem Wein zu unterscheiden bzw. wer sagt überhaupt, was guter und was schlechter Wein ist?

Zunächst einmal gilt, dass das was Ihnen schmeckt entscheidend ist. Aber wie artikuliere ich meine Weinpräferenzen und gibt es Gütekriterien, die vielleicht (nahezu) eine objektive Beschreibung  eines subjektiven Erlebnisses ermöglichen.
Obwohl jeder Genießer sein Weinerlebnis individuell erlebt, gibt es definierte Begriffe anhand derer konkrete Charakteristika eines Weines, neben seinen unterschiedlichen Geschmackselementen, nachvollziehbar beschrieben werden können.

Im Folgenden möchte ich Ihnen einige der zentralen Begriffe zur Beschreibung und Bewertung von Wein näherbringen.
Die wohl wichtigste Eigenschaft ist hierbei Komplexität. Je mehr Facetten und Nuancen Sie bei jedem Schluck oder bei jedem Mal, wenn Sie den Wein riechen, entdecken, desto komplexer ist der Wein. Wenn es nicht langweilig wird, sich mit dem Wein auseinanderzusetzen, weil er Sie auf eine faszinierende Weise fesselt, ist dies seiner Komplexität geschuldet. Die großen Weine der Welt sind nicht überladen und plump, sondern schier endlos. Man hat zu keinem Zeitpunkt den Eindruck, den Wein vollständig erfasst zu haben. Wahre Komplexität überrascht fortwährend.
So alle Elemente (Frucht, Säure, Alkohol und evtl. Süße) im Gleichgewicht stehen, hat der Wein Balance. Obwohl der Begriff sehr präsent ist und häufig Verwendung in Weinbeschreibungen findet, unterliegt diese Eigenschaft relativ stark der persönlichen Wahrnehmung und Einschätzung. Ein absolutes Urteil, ob ein Wein balanciert ist oder nicht, ist selten eindeutig oder interpersonell möglich. Oft gibt es eine individuelle Spanne, die von Weintrinker zu Weintrinker etwas divergiert.  Finden Sie für sich selbst heraus, ob Sie die Harmonie der Elemente in Ihrem Glas entdecken können und stimmig finden oder nicht.

Präsentiert sich der Wein mit Substanz und Tiefe im Mund, dann hat er Dichte. Eine Stärke, die aus dem Kern des Weins zu entspringen scheint, wie die Füllung eines Bonbons, die, nachdem man bereits dachte alle Geschmacksebenen entdeckt zu haben, plötzlich und überraschend auftaucht. Weine mit Tiefe und Dichte weisen grundsätzlich größeres Potential und Alterungsvermögen auf.

Das Gefühl, das der Wein im Mund sensorisch bzw. haptisch abbildet, wird als Textur bezeichnet. Die Palette geht hier von dünn bis fett, von wässrig bis extraktreich und von seidig bis kantig. Diverse Faktoren in der Weinbereitung und der Weinentwicklung, wie z.B. Traubengröße, Ertragsmenge, Standzeit auf der Maische oder das Alter des Weins,  beeinflussen die Textur.

Ist das Gesamtbild des Weines stimmig, dann ist er, wie ein attraktiver Mensch, wohl proportioniert. Proportion steht für passende Verhältnisse von Aromen- und Geschmacksmenge und –länge; beginnend bei der Nase, über die Geschmacksentwicklung im Mund, sowie vor allem der Abgang.
Wenn es dem Wein gelingt, seine Vorzüge in eleganter und feiner Form zu präsentieren, verfügt er über Finesse. Hier macht der Ton die Musik. Die Finesse ist die Art und Weise, wie der Wein seine gesamten Eigenschaften vermittelt. Idealerweise mit guten Manieren, zurückhaltend und filigran. Nur auf diese Art gelingt es, dauerhaft spannend zu bleiben und die Faszination aufrecht zu erhalten. Plumpe Weine, ganz egal wie komplex sie sind, werden nach wenigen Schlücken uninteressant.

Nun also viel Spaß beim Entdecken und weinerleben!

© Thomas Werdelmann 

   

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